Wo alle Fäden zusammenlaufen

Ein Tag in der Interims-Integrierten Leitstelle der Berufsfeuerwehr Mainz – UK RLP unterstützt bei Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung

Foto: Feuerwache 1 in Mainz-Bretzenheim

Es ist ein ruhiger Tag in der Interims-Integrierten Leitstelle in der Feuerwache 1 in Mainz-Bretzenheim, dem Herzstück der Mainzer Berufsfeuerwehr. Hektik kommt keine auf. Doch still ist es trotzdem nicht, eigentlich permanent gehen Anrufe ein. 
Routine für die Kräfte der Leitstelle. Nicht aber für Sonja Wittmann, Arbeitspsychologin bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz (UK RLP). 

Als Hospitantin leistet sie heute einen 24-Stunden-Dienst in der Leitstelle, um im Rahmen der jüngst vereinbarten Begleitung der Leitstelle bei deren „Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung“ erste Eindrücke von der hier geleisteten Arbeit zu gewinnen.

Foto: Feuerwache 1 in Mainz-Bretzenheim

Einen ganzen Tag bei der Feuerwehr?

Für viele ist das ein Traum. Für Sonja Wittmann ist es Arbeit. Sie schaut im Auftrag der UK RLP denen über die Schulter, die im wahrsten Wortsinn alles im Blick haben müssen: den Mitarbeitenden der Integrierten Leitstelle. 
An zwei Tischen mit jeweils fünf Bildschirmen sitzen die hauptamtlichen Disponentinnen und Disponenten, die sich als erfahrene Beamte und Beamtinnen des mittleren feuerwehrtechnischen Dienstes für ihre Aufgabe qualifiziert haben. 
Auch sie leisten einen 24-Stunden-Dienst ab: 4 Stunden „Tischdienst“, 8 Stunden Bereitschaft mit der Teilnahme an Einsätzen, wieder 4 Stunden Tischdienst und 8 Stunden Bereitschaft mit der Teilnahme an Einsätzen. Routiniert nehmen sie alle Notrufe und Alarmmeldungen entgegen und alarmieren gemäß den örtlichen Alarm- und Ausrückeordnungen wahlweise die Einheiten der Feuerwehren, oder des Katastrophenschutzes. Was sie tun, ist mit hoher Verantwortung verbunden: Sie fragen Sachverhalte ab, ermitteln Prioritäten und treffen Entscheidungen. Mit den Feuerwehreinsatzzentralen in den Verbandsgemeinden unterstützen sie auch die Einsatzleiter bei ihrer Führungstätigkeit an der Einsatzstelle. 
Eine wesentliche und auch eine der anspruchsvollsten Aufgaben besteht darin, Menschen in Notsituationen oder mit Suizidabsicht telefonisch zu betreuen, bis Einsatzkräfte vor Ort sind und die Person in Sicherheit bringen. 

Landesweit Integrierte Leistellen als „Meldeköpfe“

Bereits im Jahr 2001 hat das Land Rheinland-Pfalz damit begonnen, landesweit Integrierte Leistellen als „Meldeköpfe“ für alle nicht-polizeilichen Hilfeersuchen einzurichten. Durch die Fusion von Rettungs- mit Feuerwehrleitstellen sollen Synergieeffekte genutzt werden, um im Notfall effektiver und effizienter agieren zu können. 
Auch am Standort der Feuerwache 1 in Mainz-Bretzenheim ist eine Interims- Integierte Leitstelle entstanden, welche von den Standorten BF Worms, Rettungsleitstelle MZ-Gonsenheim und BF Mainz – als Führungseinrichtung und zentrale Alarmierungsstelle der Feuerwehren, des Rettungsdienstes und der Katastrophenschutzeinheiten für ganz Rheinhessen. 
Wer aus den Landkreisen Bad-Kreuznach, Mainz-Bingen und Alzey-Worms sowie den kreisfreien Städten Mainz und Worms die Notrufnummer 112 wählt, wird automatisch mit ihr verbunden. „Aus einer Hand“ alarmiert die Integrierte Leitstelle gezielt und schnell die Einsatzkräfte, die bei Unglücksfällen am wirksamsten helfen können. Ein langwieriges Vermitteln zwischen den Notdiensten entfällt, so wird wertvolle Zeit gespart.

Wie sieht es mit der psychischen Belastung aus?

Ein Disponent der Interims-Integrierten Leitstelle Mainz, Standort Bretzenheim, bearbeitet eingehende Notrufe im Bereich des Brand- und Katastrophenschutzes sowie des Rettungsdienstes.

Mit der Schaffung der Interims-Integrierten Leitstelle sei es sowohl einfacher als auch komplizierter geworden, erklärt Sonja Wittmann. Komplizierter vor allem deshalb, weil von den Mitarbeitenden jetzt mehr Spezialwissen gefordert wird. Doch wie sieht es mit der psychischen Belastung der Disponentinnen und Disponenten aus? Um genau diese Belastungen zu benennen und anzugehen, ist die „Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung“ da. 
Klar ist: Allein die Daueraufmerksamkeit ist anstrengend, zudem ist viel Multitasking gefordert. Vor allem aber können die Anrufe, die in der Leitstelle entgegengenommen werden, belastend sein – ob es sich nun um große Unfälle, Unwetterkatastrophen oder private Schicksalsschläge handelt. 
Vieles kann bei der Belastung zusammenkommen: 
Die große Verantwortung, der Stress, die Angst vor Fehlern oder die direkte Konfrontation mit menschlichem Leid bei gleichzeitig empfundener eigener Hilflosigkeit. Am Ende bleibt manchmal nur die Hoffnung, den richtigen Wagen losgeschickt zu haben. Psychisch problematisch kann es dabei auch sein, dass die Kräfte der Interims-Integrierten Leitstelle nicht direkt erfahren, was aus den von ihnen in Gang gesetzten Einsätzen wird. Im Hinterkopf haben viele von ihnen vielleicht auch noch die Flutkatastrophe im Ahrtal – und die Hilflosigkeit, die die Mitarbeitenden der Integrierten Leitstelle in Koblenz damals empfunden haben müssen, als sie übers Telefon zu Ohrenzeugen der Katastrophe wurden, in den meisten Fällen aber trotzdem nichts tun konnten. 

Mit Blaulicht im Einsatz

Foto: AdobeStock/DGUV

Doch dann kommt er doch noch, der große Einsatz. Jetzt muss es ganz schnell gehen. 
Sonja Wittmann nimmt die Beine in die Hand und wenig später im Einsatzleitwagen Platz. 
Unter Blaulicht schwärmen die Einsatzfahrzeuge aus – um nur kurz darauf mit weitaus geringerer Geschwindigkeit wieder zur Feuerwache zurückzukehren: Der Feueralarm hat sich als Fehlmeldung der Brandmeldeanlage herausgestellt. Trotzdem hat der kurze Einsatz auch bei Wittmann für einen gehörigen Adrenalinschub gesorgt. „Es war total spannend“, erzählt sie. 

Foto: AdobeStock/DGUV
Sonja Wittmann, Arbeitspsychologin bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz

Wie lautet ihr Fazit nach dem 24-Stunden-Dienst in der Mainzer Feuerwache 1?

Sonja Wittmann, Arbeitspsychologin bei der Unfallkasse Rheinland-Pfalz

Zum Start unserer Kooperation war das ein tolles Angebot. Ich habe viele Einblicke erhalten, alle haben gern Auskunft gegeben und mich teilhaben lassen. Für mich war es gut, um das ganze Arbeitssystem besser zu verstehen. Vieles kann ich mir jetzt besser vorstellen und nachvollziehen. Es ist einfach toll, wenn man weiß: 
Ich kann diese eine Nummer anrufen, und dann wird mir geholfen. 
Es ist wirklich total wichtig, dass es so etwas gibt!

 

Ihre Erkenntnisse werden nun in die Beratung und den Prozess der Begleitung bei der Gefährdungsbeurteilung durch das Team der UK RLP eingebunden.

                     Auf unserer Homepage finden Sie weitere Infos zur Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung.

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